Langfristige Auswirkungen ignorierter Legasthenie

Legasthene/dyskalkule Kinder müssen sich auf Grund ihrer differenzierten Wahrnehmung im Unterricht viel stärker konzentrieren als nichtlegasthene oder nichtdyskalkule Kinder. Dadurch verbrauchen sie mehr Energie. Die Aufnahmefähigkeit nimmt schneller ab, der Mangel an Konzentrationsfähigkeit führt zu einem Rückgang der Mitarbeit und einem mangelhaften Erwerb des Unterrichtstoffes.

Mit den einsetzenden Misserfolgen beginnt der Teufelskreis:

Das Kind erlebt sich als dumm und unbegabt: Ich kann das nicht!

Das Kind kann nun weder den eigenen Erwartungen noch den Erwartungen der Schule und der Eltern entsprechen.

Seine Angst nimmt stetig zu:

Die Angst vor dem Versagen, vor der Blamage, die Angst die Freunde und die Liebe der Eltern zu verlieren.

Die Bereitschaft zu üben nimmt stetig ab und führt unbewusst zu Vermeidungsstrategien und in weiterer Folge zu psychosomatischen Beschwerden (Bauchweh, Kopfweh, …) bis hin zu Verhaltensauffälligkeiten und seelischen Behinderungen. (Sekundärlegasthenie)

Oft stehen die Verhaltensauffälligkeiten wie z.B. “Klassenkasper”, “Zappelphillip”, “Träumerliese” so im Vordergrund, dass die tatsächlichen Ursachen nicht mehr erkannt werden.

Die Kinder gelten dann meist als dumm, faul oder bockig – ” Er könnte ja, wenn er wollte”, „Immer wieder diese Schusseligkeitsfehler… “

Oft wird den Eltern geraten, ihre Erziehungsmethoden zu überdenken. „ Du darfst nicht alles durchgehen lassen.“, „Irgendwas macht ihr falsch.“

“Welche fatalen Konsequenzen eine nichterkannte oder nicht beachtete Legasthenie oder LRS für Kinder haben kann, zeigt die Mannheimer Längsschnitt-Studie von Esser und Schmidt. Leserechtschreibschwache und legasthene Kinder zeigen vermehrt Verhaltensauffälligkeiten, wenn man ihnen nicht eine rechtzeitige, individuell auf ihre Probleme abgestimmte Förderung zukommen lässt. Diese Tatsache kann man für die gesamte Entwicklungszeit nachweisen. Zusätzliche psychische Auffälligkeiten, die durch die unterlassene Hilfeleistung entstehen, weil die Umgebung nicht auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert hat, sind auch später im Jugendlichenalter deutlich erhöht. Diese Auffälligkeiten drücken sich hauptsächlich in Schuleschwänzen (..), Nikotin-, Alkohol-, Drogenmissbrauch, Zerstören fremden Eigentums, etc. aus.

25% der nichterkannten Legastheniker oder Menschen mit einer Lese-, Rechtschreibschwäche, die nie gezielte Förderung erhalten haben, werden im Alter von 18 Jahren strafauffällig (…). Dagegen werden nur 5,3% der Menschen, die nicht unter einem Lese-Rechtschreibproblem leiden, straffällig (…) Unsere Gesellschaft muss deshalb danach trachten, möglichst allen Kindern mit einer Legasthenie oder LRS eine schnelle individuelle Hilfe zukommen zu lassen, damit man ihnen ein verhängnisvolles (…) Leben erspart.”

(aus: KLL, “Austrian Legasthenie News”, 7. Jahrgang, Ausgabe 3/4 vom 03. November 2003)

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